Eine digitale Lokalwährung im Slum?

September 20, 2018 No comments exist

Die Slums von Nai­ro­bi, in denen unse­re Part­ner­schu­len lie­gen, sind auf den ers­ten Blick kein offen­sicht­li­cher Ort, um ein neu­ar­ti­ges High-Tech-Sys­tem zu eta­blie­ren. Trotz­dem fin­det sich hier ein Ver­suchs­feld für ein auf­re­gen­des Expe­ri­ment. So wie bereits in Mom­ba­sa kön­nen hier bald die Ein­woh­ner des Slums Zie­gen, Toma­ten und Holz­koh­le unter­ein­an­der han­deln – und zwar auf der Basis einer digi­ta­len Lokal­wäh­rung.

Die­ses eben nur lokal gül­ti­ge Geld, je nach Slum „Kan­ge­mi-“ bzw. „Gati­na-Pesa“ genannt, wur­de zunächst noch als ana­lo­ge Wäh­rung von Grass­roots Eco­no­mics ein­ge­führt, einem in Kenia ansäs­si­gen gemein­nüt­zi­gen Ver­ein. Der Grün­der von Grass­roots Eco­no­mics ist Wil­liam Rud­dick, der mit sei­ner Fami­lie seit Juli 2018 auf Irm­gards Ose­ki-Farm lebt.

Das wesent­li­che Pro­blem mit dem regu­lä­ren Geld in den Slums, so Will, bestehe dar­in, dass die Zir­ku­la­ti­on des Kenia-Schil­lings Ange­bot und Nach­fra­ge nicht wider­spie­ge­le. Sie ent­spre­che nicht dem loka­len Ver­hält­nis von Ange­bot und Nach­fra­ge, son­dern sei dem Fluss der Gesamt­wirt­schaft unter­wor­fen.

Das offi­zi­el­le Geld wan­dert bestän­dig aus dem Slum ab und lan­det am Ende in den Hän­de gro­ßer Kon­zer­ne.

 

Auf­grund der Mecha­nis­men des Zins­sys­tems kon­zen­triert sich aller Geld­be­sitz am Ende bei den Rei­chen, die soviel haben dass sie Geld ver­lei­hen und von Zin­sen leben kön­nen, wie Ber­nard Lie­tard in dem Film „Der Schein trügt“ anschau­lich erläu­tert. In den Slums gibt es also nicht zu wenig Waren, im Gegen­teil, über­all am Stra­ßen­rand betrei­ben fin­di­ge Bewoh­ner ihre Gewer­be und Shops, um über die Run­den zu kom­men. Es fehlt statt­des­sen an Geld.

Da die von Grass­root Eco­no­mics ein­ge­führ­ten Lokal­wäh­run­gen kei­ne Zin­sen erbrin­gen und nur vor Ort bis zu ihrem fest­ge­setz­ten Ver­falls­da­tum einen Wert haben, loh­nen sich spa­ren und hor­ten nicht – und zudem bleibt das Geld im Slum. Dort wird es fort­wäh­rend aus­ge­ge­ben – für loka­le Güter. Das schafft eine Mikro­öko­no­mie, die auf den loka­len Markt abge­stimmt ist und den Han­del im Slum sta­bil immer wei­ter lau­fen lässt.

 

Das funk­tio­nier­te schon im öster­rei­chi­schen Wörgl wäh­rend der gro­ßen Wirt­schafts­kri­se 1932 bes­tens.

War­um aber reicht es nicht, regio­na­les Geld in Papier­form in Umlauf zu brin­gen? Nun digi­ta­le Bezahl­sys­te­me sind allen Kenia­ner bes­tens ver­traut. Jeder kennt und benutzt M-Pesa, weil das so ein­fach und unkom­pli­ziert ist – und durch die gute Abde­ckung der Mobil­funk­net­ze im gan­zen Land nutz­bar. Der Kom­fort für die Nut­zer ist ein wich­ti­ger Aspekt, aber die Digi­ta­li­sie­rung der Lokal­wäh­run­gen ermög­licht Grass­roots Eco­no­mics dar­über hin­aus viel genaue­re Ana­ly­sen des Geld­flus­ses. Auf deren Basis soll durch Anpas­sun­gen an die tat­säch­li­chen Bedürf­nis­se eine gesun­de regio­na­le Wirt­schaft unter­stützt wer­den.

So lau­fen jetzt seit eini­ger Zeit in Nai­ro­bi, wie zuvor schon im Mom­ba­sa, ent­spre­chen­de Ver­su­che, die Regio­nal­wäh­run­gen zu digi­ta­li­sie­ren.

Will Rud­dick zufol­ge läuft die Erpro­bungs­pha­se viel­ver­spre­chend. Das Bezah­len ist aber auch denk­bar ein­fach. Es erfolgt von Ange­sicht zu Ange­sicht: Der Käu­fer über­tragt die ent­spre­chen­de Anzahl von „Tokens“ mit der von Grass­root Eco­no­mics ent­wi­ckel­ten „Ban­cor-App“ an den Ver­käu­fer. In naher Zukunft ist zusätz­lich noch ein SMS-Dienst geplant, damit auch Benut­zer mit Nicht-Smart­pho­nes Trans­ak­tio­nen täti­gen kön­nen.

So ist zu hof­fen, dass die­se hoch span­nen­de Initia­ti­ve in ähn­lich posi­ti­ver Wei­se das Leben unse­rer Freun­de im Slum ver­än­dern kann, wie es in Bra­si­li­en mit dem „Pal­mas“ in einem Ghet­to am Rand der Groß­stadt For­ta­le­za gelang. Die Ein­füh­rung einer kom­ple­men­tä­ren regio­na­len Wäh­rung war dort so erfolg­reich, dass es über ganz Bra­si­li­en ver­teilt inzwi­schen etli­che loka­le Wäh­run­gen gibt.

Per­fekt!

Wir dan­ken unse­ren Part­ner Will Rud­dick von Grass­roots Eco­no­mics. Fol­ge sei­ne Bei­trä­ge in Twit­ter Grass­roots Eco­no­mics, oder besu­che sei­ne Web­sei­te Grass­Roots oder schrei­be uns um mehr Infor­ma­tio­nen zu bekom­men.

Vie­len Dank an Dr. Alex­an­der Pie­cha für den schö­nen Bei­trag!

Das Nyen­do-Team.

 

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